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1. gfo Online-Symposium 2020: Organisationen, die Freu(n)de machen

1. gfo Online-Symposium 2020: Organisationen, die Freu(n)de machen

Beitrag vom 30. November 2020
Kurzberichte zu gfo Veranstaltungen

ORGANISATIONEN DIE FREU(N)DE MACHEN -
das sind z.B. solche Organisationen, in denen Menschen arbeiten, die dem Rat von Konfuzius gefolgt sind: „Suche Dir eine Arbeit, die Du liebst, und Du wirst nie mehr arbeiten müssen.“ Für die meisten Organisator:innen gilt diese Regel i.d.R. ja schon lange, denn sie lieben ihren Beruf, aber wie können die Organisator:innen auch für alle Anderen in ihren Institutionen die Arbeitsplätze so gestalten, dass sie sie leicht lieben können?

 

Dieser und verbundenen Fragen ging der dritte Teil des 1. gfo-Online-Symposiums nach. Dazu stellte im ersten Schritt Tobias Krüger aus seiner Rolle als Programmleiter des KW-4.0-Prozesses der OTTO-Group vor, wie der führende e-Commerce-Konzern Europas es in den letzten 5 Jahren geschafft hat, den eigenen Prozess der Digitalisierung durch ein umfassendes Programm des kulturellen Wandels („KW 4.0“) auf eine neue Stufe zu heben. Sehr anschaulich beschrieb er dabei die (existenziellen) Herausforderungen, mit der sich das erfolgsverwöhnte Hamburger Unternehmen mit seinen mehr als 50.000 Mitarbeiter:innen weltweit im Jahr 2015 konfrontiert sah. Und mehr als 80 hochinteressierte Teilnehmer:innen in der Online-Runde erfuhren dann auch, wie es dem Management und den Mitarbeiter:innen in einer sehr individuellen Mischung aus Top-Down- und Bottom-Up-Initiativen gelungen ist, den sehr notwendigen Wandel so bravourös zu bewältigen, dass man im Jahre 2020 auch weit besser für die neuen Herausforderungen der Pandemie präpariert war.

Von entscheidender Bedeutung für den Erfolg war dabei sicherlich auch, dass die Vorstände in der Gruppe und den zahlreichen Einzelgesellschaften in dem Prozess mit gutem Beispiel vorangegangen sind. Und das galt sowohl für die persönlichen Prozesse der Digitalisierung der Vorstandsarbeit wie auch für die persönlichen Prozesse der Zusammenarbeit – auch und gerade unter den Top-Führungskräften.


Dieser Erfahrungswert zu einem besonderen Erfolgsfaktor im Prozess des kulturellen Wandels lieferte auch die perfekte Überleitung zum zweiten Beitrag des Symposiums, in dem Prof. Dr. Guido Fischermanns, den viele schon als Kollegen im Vorstand der gfo kennengelernt haben, nun aus seiner Rolle als (Mit-)Gestalter des Wandels in seiner eigenen Firma der ibo GmbH berichtete. Dort hat er mit allen seinen Kolleg:innen in den letzten 6 Jahren eine erfolgreiche „Lernreise“ in Richtung auf eine holokratische Organisation unternommen, die einen spektakulären Höhepunkt auch darin fand, dass er seinen „Chef-Schreibtisch“ mit der Kreissäge in Gegenwart aller in Stücke sägte, um jedem/r Mitarbeiter:in ein sehr greifbares Stück Entscheidungs-kompetenz übergeben zu können, wie es in dem Konzept der Holokratie mit den Rollen und Regeln vorgesehen ist, dass jede/r im Rahmen der eigenen Rolle bindende Entscheidungen für das Unternehmen treffen kann und muss.

Mindestens so spannend wie die Beschreibung eines solchen spektakulären Höhepunktes im Prozess des Wandels war aber die Beschreibung des Weges dort hin, denn sie machte deutlich, dass es für einen Wandel in Richtung auf eine stärker selbstorganisierte Gestaltung der Zusammenarbeit wohl erforderlich, dass auch der Prozess dahin stärker auf die Kräfte der Selbstorganisation vertraut und deshalb auf Versuche der zentralen Planung und Steuerung weitgehend verzichtet. In der Summe stellt sich dann aus der Rückschau heraus, dass der Prozess (den Prof. Fischermanns sehr anschaulich in 9 eingängigen Lernsätzen zusammengefasst hatte) alle Elemente der (künftigen) Steuerung des Unternehmens abdeckt, aber die Reihenfolge sich eben auch als recht „eigenwillig“ herausstellte – dem eigenen Willen der Beteiligten entsprechend.

 

Vor diesem Hintergrund wird das Unterfangen, das drei Kooperationspartner im dritten Schritt des Symposiums vorstellten, nochmal so spannend: Sie wollen die Fragen nach dem Status Quo und den Perspektiven für den Beruf der/s Organisator:in/s beantworten, der bei solchen Prozessen der Organisationsentwicklung und der Organisationsgestaltung, wie sie in den ersten Beiträgen zu verfolgen waren, bereits heute und erst recht in der Zukunft ganz anders aussieht als in der Vergangenheit.
Zu diesem Zweck haben sich Prof. Dr. Andreas Aulinger vom IOM der Steinbeis Hochschule Berlin als Vertreter der Wissenschaft, Prof. Dr. Guido Fischermanns von der gfo als Vertreter des Verbandes und Christian Konz von der ibo Akademie GmbH als Vertreter der Praxis zu einem Forschungsprojekt zusammengeschlossen, das im November 2020 mit ersten persönlichen Interviews gestartet worden war.

Als Christian Konz von den ersten Eindrücken aus den geplanten 50 Interviews berichtete, sahen wir schon sehr interessierte Zuhörer:innen an den Bildschirmen, und als dann ganz praktisch der Test des Fragebogens (der in den nächsten Monaten an mehrere 1.000 Interessenten versandt werden soll) im Rahmen dieser Online-Session durchgeführt wurde, konnten die beteiligten Organisatoren erleben, wie drei erfahrene Organisatoren sich auch die Corona-Situation zu Nutze machen konnten.

Zuvor hatte Prof. Aulinger in gewohnt lässiger Manier alles zum „Wer, Warum und Wie“ dieser Studie erklärt, von der wir als gfo uns eine Menge Einblicke und Anknüpfungspunkte für unsere weitere Arbeit versprechen.

 

Das Stichwort „Perspektiven für den Beruf der/s Organisator:in/s“ lieferte Dr. Rudolf Lütke Schwienhorst als Moderator des Abends die Überleitung zu einem weiteren Höhepunkt des Symposiums, in dem er mit Prof. em. Dr. H. Wüthrich die Frage erörtern konnte, inwieweit die Organisator:innen der Zukunft ihre Arbeit als regelmäßiges Musterbrechen begreifen und gestalten können und sollen? Hinter dieser Frage stehen die Ergebnisse von mehr als 20 Jahren Forschung, in denen Prof. Wüthrich auf der Suche nach den Kennzeichen zukunftsfähiger Organisationen u.a. herausgefunden hat, dass Zukunftsfähigkeit von Organisationen sehr viel damit zu tun hat, ob es der Organisation gelingt, immer neue Lernmöglichkeiten für sich selbst zu generieren.

Und dabei kommt dem Typus des Musterbrechers eine besondere Bedeutung zu. Denn diesen Menschen liegt es im Blut, sehr bewusst Experimente durchzuführen, die zum einen dadurch gekennzeichnet sind, dass man eben vorher nicht weiß, wie sie ausgehen, zum anderen aber auch sehr überlegte Interventionen ins System darstellen – mit dem Ziel, dass das System dabei zum einen konkrete neue Erfahrungen machen kann und zum anderen auch in der (Meta-)Erfahrung bestärkt werden kann, dass diese Art des Experimentierens einen hohen Nutzen für die Überlebensfähigkeit der Organisation haben kann.

Und weil Prof. Wüthrich nicht nur Forscher und Lehrer sondern auch Praktiker ist, konnte er auf Nachfrage auch gleich praktische Beispiele von Unternehmen beschreiben, wo unter seiner Begleitung obere Führungskräfte für einen Zeitraum von 6 – 9 Monaten die Positionen getauscht haben, was mindesten zu den zwei Konsequenzen führte, dass zum einen alle beteiligten Führungskräfte über ihre Führungsrollen ganz neu nachgedacht haben, weil sie nun nicht mehr aus der Fachkompetenz heraus führen konnten, sondern sich auf die „reinen“ Führungsrollen des Challengers, des Moderators, des Menschen, der in die Fachkompetenz der Direct Reports vertraut, fokussieren konnten und mussten. Die andere Konsequenz war im Interesse der Lerngelegenheit für die Organisation mindestens ebenso so wertvoll: die Direct Reports erlebten nämlich, dass ihre Fachkompetenz in ganz anderem Maße gefragt war als zuvor und sie viele Entscheidungen auf dieser Basis selber treffen mussten und auch konnten. Wenn die Organisation über die Menschen darin diese Erfahrung einmal gemacht hat, ist es nicht mehr möglich, sie aus dem Gedächtnis zu löschen.

 

Mit dieser Ermunterung zum Experimentieren gehen wir in der gfo ins neue Jahr, in dem wir vermutlich manches neue Experiment unternehmen werden – auch bestärkt durch die Erfahrung, dass wir in der Not sehr wohl in der Lage sind, aus dem Ehrenamt heraus ein erstklassiges Symposium in sehr kurzer Frist auf die Beine zu stellen. Wir danken allen, die dazu beigetragen haben, und wünschen uns und allen Mitgliedern und Interessenten einen guten Start in ein gesundes und frohes Jahr 2021.


Dr. R. Lütke Schwienhorst – Präsident der gfo – im Namen des gesamten Vorstandes